Brücken statt Bubbles

Was Granovetter über die fragmentierte digitale Öffentlichkeit lehrt.

Digitale Öffentlichkeiten sind fragmentiert, viele Menschen haben sich aus klassischen Informationsräumen zurückgezogen. Reichweite allein erzeugt unter diesen Bedingungen keine Wirkung mehr. Mark S. Granovetters Theorie der Weak Ties liefert einen überraschend aktuellen Schlüssel zum Verständnis digitaler Öffentlichkeit. Der Text zeigt, warum soziale Brücken wichtiger sind als geschlossene Bubbles und weshalb das gerade für politische Kommunikation entscheidend ist.

Digitale Öffentlichkeiten sind fragmentiert, polarisiert und zunehmend erschöpft. Viele Menschen haben sich aus klassischen Kommunikationsräumen zurückgezogen oder begegnen ihnen mit wachsender Distanz. Aufmerksamkeit ist flüchtig geworden, Vertrauen selektiv. Öffentlichkeit ist kein gemeinsamer Raum mehr, sondern ein Geflecht paralleler Teilöffentlichkeiten.

Genau hier gewinnt eine netzwerktheoretische Einsicht aus den 1970er-Jahren neue Bedeutung. Mark S. Granovetters Theorie der «Weak Ties» liefert ein konzeptionelles Fundament, um zu verstehen, wie digitale Öffentlichkeit heute entsteht und warum viele Kommunikationsversuche ins Leere laufen. Sein Aufsatz The Strength of Weak Ties aus dem Jahr 1973 zählt zu den einflussreichsten Beiträgen der Netzwerkforschung. Obwohl die Theorie in einer Zeit vor Plattformen, Feeds und algorithmischer Verteilung entstanden ist, hat sie nichts von ihrer analytischen Kraft verloren. Im Gegenteil: Sie liefert heute einen zentralen Schlüssel zum Verständnis digitaler Öffentlichkeit und zum Kommunizieren in einer Zeit zunehmender News Deprivation.

Die Aktualität Granovetters liegt nicht im nostalgischen Rückgriff auf einen soziologischen Klassiker, sondern in der Mechanik seiner Theorie. Granovetter beschreibt keine Technologien, sondern soziale Strukturen. Er zeigt, dass soziale Wirkung nicht primär aus Nähe, Dichte oder Stärke von Beziehungen entsteht, sondern aus ihrer Position im Netzwerk. Gerade schwache, lose Beziehungen fungieren als soziale Brücken zwischen Kontexten, die sonst voneinander getrennt bleiben. Sie ermöglichen, dass Informationen, Deutungen und Themen zirkulieren können, ohne sich sofort in geschlossenen Kreisläufen zu erschöpfen.

In der digitalen Kommunikation gilt Reichweite häufig als Mass aller Dinge. Wer sichtbar ist, so die implizite Annahme, erzeugt Wirkung. Die Praxis zeigt jedoch ein anderes Bild. Sichtbarkeit allein genügt nicht. Wirkung entsteht dort, wo Verbindungen Kontexte überbrücken, ohne Aufmerksamkeit zu erzwingen. Nicht in geschlossenen Bubbles, sondern an den Übergängen zwischen ihnen entscheidet sich, ob Themen Resonanz entfalten oder verpuffen.

Gerade in der digitalisierten Welt sozialer Medien wachsen unsere Netzwerke rasant. Wir verfügen über mehr lose, schwache Beziehungen als je zuvor. Granovetter macht jedoch deutlich, dass Wirkung nicht aus der schieren Anzahl von Kontakten entsteht, sondern aus der Architektur des Netzwerks. Nicht jede Beziehung trägt gleich, und nicht jede Reichweite eröffnet Zugang. Entscheidend ist, ob Verbindungen als Brücken fungieren und damit soziale Kontexte miteinander verbinden, die sonst getrennt bleiben würden.

Genau an diesem Punkt berührt Granovetters Ansatz zentrale Debatten der Gegenwart. Er hilft zu verstehen, wie digitale Kommunikation unter Bedingungen fragmentierter Öffentlichkeit Wirkung entfalten kann und wie Zielgruppen erreicht werden, die sich der klassischen Öffentlichkeit entzogen haben.

Granovetter: Weak Ties, Transitivität und die Architektur sozialer Wirkung

Granovetters zentrale Einsicht ist ebenso einfach wie folgenreich:
Nicht alle sozialen Beziehungen sind gleich wirksam. Entscheidend ist dabei nicht ihre Intensität, sondern ihre Position im Netzwerk und die Art von Wirkung, um die es geht.

Um diese Unterscheidung sichtbar zu machen, differenziert Granovetter zwischen starken und schwachen Beziehungen.

  • Starke Beziehungen (strong ties) sind eng, emotional aufgeladen, zeitintensiv und meist in gemeinsame soziale Kontexte eingebettet. Sie erzeugen Vertrauen, Stabilität und Zusammenhalt.

  • Schwache Beziehungen (weak ties) dagegen sind lose, episodisch und weniger verpflichtend. Sie verbinden Menschen, die sich nicht regelmässig austauschen, aber dennoch in Beziehung stehen, etwa frühere Kolleginnen und Kollegen, entfernte Bekannte oder lose berufliche Kontakte.

Diese Unterscheidung entfaltet ihre Bedeutung erst durch einen weiteren Begriff: Transitivität.

Transitivität beschreibt die Tendenz sozialer Netzwerke, sich zu schliessen. Wenn Person A mit Person B eng verbunden ist und Person B mit Person C, dann ist es in dichten Netzwerken sehr wahrscheinlich, dass auch A und C miteinander in Beziehung stehen. Starke Beziehungen erzeugen hohe Transitivität. Sie führen dazu, dass Netzwerke kompakt werden, sich stabilisieren und ihre sozialen Grenzen verdichten. Granovetter beschreibt solche Strukturen als Cliquen.

Hoch transitive Netzwerke sind sozial wirksam in einem bestimmten Sinn. Sie sind identitätsstiftend, ermöglichen Solidarität, schnelle interne Mobilisierung und verlässliche Unterstützung. Ihre Wirkung liegt in Kohäsion und Stabilität. Gleichzeitig erzeugen sie Redundanz. Informationen zirkulieren innerhalb derselben Kreise, Perspektiven ähneln sich, Abweichungen werden sozial markiert. Neue Informationen, alternative Deutungen oder externe Impulse dringen nur schwer ein, weil sie an den Rändern des Netzwerks versanden oder früh abgefedert werden.

Schwache Beziehungen wirken in diesem Gefüge anders. Gerade weil sie nicht tief in bestehende Kontexte eingebettet sind, unterliegen sie geringerer sozialer Kontrolle. Sie verbinden soziale Umfelder, die sich sonst kaum überschneiden. Granovetter beschreibt diese Funktion als (lokale) Brücken zwischen Netzwerken. Ihre Stärke liegt nicht in Nähe oder Bindung, sondern in ihrer Fähigkeit, Transitivität zu durchbrechen.

Dabei ist entscheidend: Nicht jede schwache Beziehung ist automatisch eine Brücke.

Ein Weak Tie entfaltet seine überbrückende Wirkung erst dann, wenn er tatsächlich unterschiedliche soziale Kontexte miteinander verbindet und damit Zugang zu Informationen, Perspektiven oder Ressourcen eröffnet, die im eigenen Netzwerk nicht verfügbar sind. Viele schwache Beziehungen verbleiben innerhalb desselben sozialen Milieus und erzeugen wenig neue Dynamik. Brücken entstehen dort, wo Beziehungen Netzwerkgrenzen überschreiten. Die Wirkung dieser Beziehungen liegt nicht in emotionaler Nähe, sondern in ihrer strukturellen Lage.

Starke Beziehungen sind hoch wirksam für Kohäsion, Stabilität und interne Handlungsfähigkeit.
Schwache Beziehungen sind wirksam für Diffusion, Anschlussfähigkeit und Kontextwechsel.

Granovetters Theorie richtet den Blick damit weg von der Intensität sozialer Beziehungen hin zu ihrer Architektur. Sie erklärt, warum Netzwerke gleichzeitig stabil und begrenzt wirksam sein können, warum Nähe nicht automatisch Einfluss erzeugt und warum gesellschaftliche Dynamik häufig an den Rändern entsteht. In einer Zeit fragmentierter digitaler Öffentlichkeiten gewinnt diese Perspektive neue Relevanz, nicht weil sich soziale Beziehungen grundlegend verändert hätten, sondern weil ihre Struktur durch digitale Vernetzung auf sozialen Plattformen sichtbarer geworden ist.

Nicht jeder Weak Tie ist eine Brücke, aber jede Brücke ist ein Weak Tie.

Was das für Online-Kommunikation unter Bedingungen der News Deprivation bedeutet

News Deprivation bedeutet nicht notwendigerweise Desinteresse. Häufig ist sie Ausdruck von Überforderung, Erschöpfung oder Misstrauen gegenüber diskursiven Räumen und Absendern, die als moralisch aufgeladen, konflikthaft oder vereinnahmend wahrgenommen werden.

Mark Eisenegger, Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft und Leiter des fög, weist darauf hin, dass dieser Rückzug häufig bewusst erfolgt. Viele Menschen empfinden die Dauerpräsenz negativer Nachrichten als emotional belastend oder fühlen sich von der Komplexität und Konflikthaftigkeit politischer Berichterstattung überfordert. Gleichzeitig entsteht News Deprivation auch unbeabsichtigt, durch fragmentierte Mediennutzung, permanente Smartphone-Präsenz und den schleichenden Rückgang klassischer Nachrichtenrezeption.

Dabei handelt es sich nicht um ein individuelles Randphänomen, sondern um ein strukturelles und weit verbreitetes Problem. Das Jahrbuch Qualität der Medien 2025 des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich zeigt, dass News Deprivation in der Schweiz weiter zunimmt. Im Jahr 2025 zählen bereits 46,4 Prozent der Bevölkerung zu den sogenannten News-Deprivierten. Gemeint sind Personen, die keine oder kaum journalistische Nachrichten nutzen und sich, wenn überhaupt, primär über Social Media informieren. Ihr Anteil ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen (fög, 27.10.2025).

Unter diesen Bedingungen verändert sich die Ausgangslage von Online-Kommunikation grundlegend. Bevor Informationen vermittelt oder Positionen durchgesetzt werden können, braucht es einen Wiederanschluss an Öffentlichkeit. Dieser Wiederanschluss ist keine Frage von Reichweite oder Aufmerksamkeit, sondern eine strukturelle Frage der Zugänglichkeit von Diskursen.

Genau hier wird die Logik schwacher Beziehungen als Brücken relevant. Aus der Perspektive Granovetters entfalten Weak Ties ihre Wirkung nicht, indem sie Aufmerksamkeit bündeln, sondern indem sie Zugänge offenhalten. Über lose, nicht vereinnahmende Verbindungen können Themen präsent bleiben, ohne sofort bewertet, verteidigt oder abgelehnt werden zu müssen. Sie schaffen einen Zugang zum Diskurs, der Beobachtung erlaubt, ohne Positionierung zu erzwingen.

Online-Kommunikation, die newsdeprivierte Öffentlichkeiten erreichen will, muss deshalb anders funktionieren als klassische Öffentlichkeitsarbeit.

  1. Erstens bedeutet dies, dass Kommunikation nichts verlangen darf. Sie darf informieren, irritieren oder einordnen, aber sie darf keine Loyalität einfordern. Inhalte, die über Weak Ties zirkulieren sollen, müssen konsumierbar sein, ohne eine Positionierung zu erzwingen. Ihre soziale Funktion liegt darin, Aufmerksamkeit zu legitimieren, nicht Handlung auszulösen.

  2. Zweitens verschiebt sich der Fokus von Sichtbarkeit zu Anschlussfähigkeit. Reichweite bleibt eine technische Grösse, sagt aber wenig über Wirkung aus. Entscheidend ist, ob Inhalte so gestaltet sind, dass sie in unterschiedlichen sozialen Kontexten anschlussfähig bleiben. Dazu gehört eine Sprache, die anerkennt, dass Themen komplex sind, ohne sie sprachlich zu verkomplizieren, und die erklärt, warum etwas diskutiert wird, bevor sie sagt, wie es zu bewerten ist.

  3. Drittens gewinnt die Form der Präsenz an Bedeutung. In newsdeprivierten Öffentlichkeiten wirkt Kommunikation weniger über Interaktion als über wiederkehrende, niedrigschwellige Sichtbarkeit. Likes, Kommentare oder Shares sind nicht zwingend Ausdruck von Wirkung. Oft ist es die stille Beobachtung, die den eigentlichen Anschluss herstellt. Weak Ties entfalten ihre Wirkung weniger durch Interaktion als durch Beobachtung. Dadurch, dass Themen präsent bleiben.

  4. Schliesslich verändert sich auch die Rolle von Absenderinnen und Absendern. Wirkung entsteht weniger über formale Autorität oder institutionelle Position, sondern über soziale Mehrfachzugehörigkeit. Personen, die zwischen beruflichen, gesellschaftlichen und privaten Kontexten vermitteln, können Themen sichtbar machen, ohne sie zu politisieren. Sie fungieren als Brücken, nicht als Zentren.

Online-Kommunikation unter Bedingungen der News Deprivation ist deshalb keine Frage der Optimierung einzelner Posts oder Formate. Sie ist eine strukturelle Aufgabe. Sie entscheidet sich daran, ob Kommunikation Übergänge ermöglicht, ohne sie zu markieren, und ob Öffentlichkeit wieder als zugänglicher Raum erfahrbar wird, bevor sie als Ort der Auseinandersetzung fungiert.

Wiederanschluss als kommunikative Vorarbeit

Der Wiederanschluss an Öffentlichkeit ist dabei keine begleitende Massnahme, sondern kommunikative Vorarbeit. Themen lassen sich nicht beliebig aktivieren, wenn der Zugang zum Diskurs zuvor abgebrochen ist. Bevor Positionen gesetzt, Botschaften zugespitzt oder Handlungsaufrufe formuliert werden können, muss erst ein Umfeld entstehen, in dem Aufmerksamkeit wieder sozial legitim ist.

Das bedeutet, dass Themen früher und anders bearbeitet werden müssen, als es klassische Kommunikationslogiken vorsehen. Sie müssen niederschwellig, erklärend und beobachtbar präsent sein, lange bevor sie aktiv bewirtschaftet werden. Über Weak Ties entstehen dabei keine unmittelbaren Wirkungen, sondern Übergänge. Diese Übergänge bereiten den Boden, auf dem spätere Kommunikation überhaupt anschlussfähig werden kann.

Kommunikation über soziale Brücken schafft damit keine Zustimmung, sondern Voraussetzungen. Sie verbindet Milieus, Kontexte und Öffentlichkeiten wieder mit Themen, von denen sie sich entfernt haben. Erst auf dieser Grundlage entsteht die Möglichkeit, in einem zweiten Schritt zu positionieren, zu mobilisieren oder zu überzeugen. Ohne diese vorgelagerte Anschlussarbeit bleiben spätere Kommunikationsversuche oft wirkungslos, nicht weil ihre Inhalte falsch wären, sondern weil der Boden dafür fehlt.

Der Wiederanschluss an Öffentlichkeit Bedarf kommunikativer Vorarbeit über Weak Ties.

Warum diese Erkenntnisse für die politische Kommunikation besonders relevant sind

Die beschriebenen Dynamiken betreffen politische Kommunikation in besonderer Weise. Die empirischen Befunde zur News Deprivation gehen deutlich über Fragen der Mediennutzung hinaus. News-Deprivierte verfügen im Durchschnitt über weniger politisches Wissen, weisen ein geringeres Vertrauen in Politik und Medien auf und beteiligen sich seltener an demokratischen Prozessen, etwa an Abstimmungen. Damit verschiebt sich nicht nur die Reichweite politischer Kommunikation, sondern auch ihre demokratische Wirkung.

Hinzu kommt, dass politische Kommunikation strukturell stärker normativ aufgeladen ist als andere Kommunikationsfelder. Politische Themen werden selten als reine Sachfragen wahrgenommen, sondern als Ausdruck von Zugehörigkeit, Haltung oder Loyalität. Für Menschen, die sich aus öffentlichen Debatten zurückgezogen haben, erhöht dies die Eintrittshürden zusätzlich. Der Rückzug aus politischer Öffentlichkeit ist deshalb häufig kein Rückzug aus politischem Interesse, sondern aus Kommunikationsformen, die als polarisierend, moralisch vereinnahmend oder konflikthaft erlebt werden.

Aus demokratietheoretischer Perspektive ist diese Entwicklung besonders problematisch. News Deprivation geht mit einer schwächeren Identifikation mit der demokratischen Gemeinschaft einher. Politische Entscheidungen werden häufiger situativ und stimmungsgetrieben getroffen, weniger auf der Basis verlässlicher Information. Politische Kommunikation steht damit vor einer doppelten Herausforderung: Sie muss nicht nur informieren oder mobilisieren, sondern unter veränderten medialen Bedingungen wieder Zugänge zum politischen Diskurs ermöglichen.

Gerade hier gewinnen die Erkenntnisse aus Granovetters Weak-Tie-Theorie an Bedeutung. Politische Kommunikation, die sich primär an mobilisierungslogischen Phasen orientiert, erreicht vor allem jene, die bereits angebunden sind. Sie wirkt stabilisierend innerhalb bestehender Netzwerke, erhöht aber kaum die Anschlussfähigkeit über Milieu- und Kontextgrenzen hinweg. Wirkung, die darüber hinausreicht, entsteht dort, wo politische Themen früher und niederschwelliger über schwache Beziehungen beobachtbar bleiben, ohne sofort als Loyalitätsforderung gelesen zu werden. In fragmentierten Öffentlichkeiten wird politische Kommunikation damit weniger zu einer Frage der Durchsetzung von Botschaften als zu einer Frage der Wiederherstellung von Anschlussfähigkeit.

Weiterführende Lektüre:
Granovetter, Mark S. (1973). The Strength of Weak Ties. American Journal of Sociology, 78(6), 1360–1380.
Verfügbar über wissenschaftliche Datenbanken (z. B. Google Scholar, JSTOR).

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