Luhmann und die Logik der Viralität

Eine systemtheoretische Erklärung für moderne Social Media Kommunikation

Viralität gilt vielen Organisationen noch immer als unerklärliches Phänomen. Besonders Trends werden häufig als belanglos oder unseriös abgetan, obwohl sie die Wirklogik moderner Plattformen präzise widerspiegeln. Dieser Beitrag zeigt, dass sich die Dynamik viral verbreiteter Inhalte über ein zentrales Konzept der Systemtheorie von Niklas Luhmann erklären lässt, nämlich über die Anschlussfähigkeit von Kommunikation. Formate wie Reels, TikToks oder Memes funktionieren, weil sie klare, leicht adaptierbare Strukturen bieten und gleichzeitig inhaltlich offen bleiben. Viralität ist damit kein Zufall, sondern das Resultat systemischer Mechanismen, die Organisationen für ihre strategische Online Kommunikation gezielt nutzen können.

Obwohl Social Media längst ein zentraler Bestandteil professioneller Kommunikation ist, gilt der Kanal vielen noch immer als «unseriös». Inhalte mit hoher Reichweite wirken häufig verspielt oder trivial. Tanzen und Lipsyncen, Memes, Pudding mit der Gabel essen oder der „Group 7“-Trend sind nur einige Beispiele.

Oft zeigt sich das gleiche Muster. Die Frage nach der geringen organischen Reichweite steht im Raum. Es folgen Vorschläge wie mehr Präsenz auf TikTok, mutigere Reels oder die Nutzung bestehender Formate. Anschliessend fallen oft skeptische Blicke und der bekannte Satz: „Diese Trends sind doch lächerlich und oberflächlich. Weshalb sollte eine professionelle Organisation da mitmachen?“

Tatsächlich funktionieren genau diese Formate besonders gut. Sie verbreiten sich schneller, erzeugen mehr Engagement und schaffen Resonanzräume, die klassische Inhalte kaum erreichen. Die entscheidende Frage lautet daher: Weshalb sind gerade diese scheinbar einfachen kommunikativen Muster so wirkungsvoll.

Die Erklärung liegt tiefer als bei Algorithmen oder Zielgruppenvorlieben. Sie beruht auf einem theoretischen Prinzip, das Niklas Luhmann bereits vor Jahrzehnten beschrieben hat. Kommunikation setzt immer Anschlussfähigkeit voraus. Viralität lässt sich damit nicht nur praktisch verstehen, sondern systemtheoretisch herleiten.

Viralität entsteht, weil Social Media Inhalte sowohl inhaltlich als auch formal hoch anschlussfähig sind. Sie bieten offene, leicht adaptierbare Vorlagen wie Sounds, Hooks oder Skripts, die Nutzerinnen und Nutzer schnell aufnehmen und mit eigenen Bedeutungen füllen können. In einer schnelllebigen Umgebung setzt sich Kommunikation nur dann durch, wenn sie Anschlusskommunikation erleichtert. Die Erfolgslogik viraler Formate beruht folglich auf hoher Anschlussfähigkeit, die Niklas Luhmann als Voraussetzung funktionierender Kommunikation beschrieben hat.

1. Anschlussfähigkeit als Grundprinzip sozialer Kommunikation

Luhmann definiert Kommunikation nicht als reinen Informationsaustausch, sondern als Prozess, der erst entsteht, wenn eine Mitteilung verstanden und eine Reaktion ermöglicht wird. Kommunikation existiert nur, wenn weitere Kommunikation anschliesst. Die Form eines Beitrags beeinflusst deshalb wesentlich, ob Anschluss möglich ist.

Anschlussfähigkeit bedeutet, dass Kommunikation so gestaltet ist, dass andere sie fortführen können. Es garantiert nicht, wie diese Fortführung aussieht, sondern lediglich, dass sie möglich ist. Social Media verstärkt dieses Prinzip, weil es in Echtzeit sichtbar macht, welche Inhalte weitergedacht, kopiert, variiert oder ignoriert werden.

Viralität ist damit kein zufälliges Massenphänomen, sondern Ausdruck eines Grundmechanismus sozialer Systeme: Es setzt sich durch, was viele Anschlussoptionen bietet.

2. Virale Formate verbinden starke Form mit offener Bedeutung

Erfolgreiche Social Media Trends basieren meist auf klaren Strukturen. Dazu gehören Sounds, visuelle Templates, Bewegungsmuster, wiedererkennbare Aufhänger, einfache Botschaften.

Diese Muster haben zwei Eigenschaften:

  • Sie bieten eine stabile Form.
    Die Form ist leicht wiedererkennbar und sofort kopierbar. Nutzerinnen und Nutzer wissen auf den ersten Blick, was verlangt wird, um mitzuwirken.

  • Sie lassen die Bedeutung offen.
    Die Form schreibt den Inhalt nicht vor. Ein Sound kann humorvoll, politisch, kritisch oder werblich gefüllt werden. Eine Hook kann für Unternehmensbotschaften, Lifestyle Inhalte oder humorvolle Alltagsbeobachtungen genutzt werden.

Diese Kombination aus Struktur und Offenheit erzeugt maximale Anschlussfähigkeit. Sie erlaubt differenzielle Wiederholung: Form bleibt stabil, Inhalt variiert. Genau diese Balance erklärt, weshalb Trends über Branchen, Themen und Zielgruppen hinweg funktionieren.

3. Plattformarchitektur unterstützt Anschlusskommunikation technisch

Social Media Plattformen sind darauf ausgelegt, die Weiterverarbeitung bestehender Inhalte zu erleichtern. Die Funktionen sind direkt anschlussorientiert.

Beispiele:

• „Vorlage verwenden“ in Reels
• „Sound benutzen“ in TikTok
• „Remix“ oder „Duet“
• automatische Schnitte und Effekte
• Content Templates und Auto-Captions

Die technische Architektur macht Anschlusskommunikation nicht nur möglich, sondern erwünscht. Sie senkt den Aufwand für kreative Beiträge drastisch. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Inhalte in hoher Frequenz reproduziert werden.

Während klassische Kommunikation auf Planung und Kontrolle beruht, funktionieren digitale Kommunikationsräume über Mutation, Variation und schnelle Reaktion. Viralität entsteht folglich dort, wo Anschlusskommunikation nicht nur inhaltlich, sondern auch technisch begünstigt wird.

4.Traditionelle Kommunikationslogiken sind mit der Semantik sozialer Medien unvereinbar

Traditionelle Kommunikationskulturen orientieren sich an Linearität und Kontrolle. Inhalte werden produziert, poliert, abgestimmt und freigegeben. Qualität wird über inhaltliche Tiefe und stilistische Kohärenz definiert.

Social Media basiert hingegen auf Dynamik, Variation und gemeinschaftlicher Bedeutungsgestaltung. Die Plattformen schaffen Resonanzräume, in denen Inhalte sozial verhandelt, weitergedacht und kollektiv umgedeutet werden.

Trends werden daher nicht trotz, sondern wegen ihrer Einfachheit erfolgreich. Sie öffnen Kanäle zwischen Nutzerinnen und Nutzern. Sie schaffen Zugehörigkeit und Partizipation. Und sie funktionieren, weil sie kulturelle Muster aktualisieren, die bereits im System sind.

Wenn Organisationen Trends abwerten, verkennen sie die Funktionslogik sozialer Medien. Statt Anschlussfähigkeit entsteht Distanz. Die Folge ist geringe Sichtbarkeit und eingeschränkte Wirksamkeit organischer Inhalte.

5. Strategische Online Kommunikation profitiert von anschlussfähigen Formaten

Für Organisationen bedeutet dies: Relevanz entsteht nicht nur durch Botschaften, sondern durch Formen, die Anschluss ermöglichen. Trends liefern solche Formen. Sie sind keine Spielerei, sondern Strukturelemente eines Systems, das auf Anschlusskommunikation basiert.

Professionelle Kommunikation kann Trends adaptieren, ohne Seriosität einzubüssen. Entscheidend ist die inhaltliche Füllung, nicht die Wahl der Form. Organisationen, die anschlussfähige Formate nutzen, senken Produktionshürden, beschleunigen Reaktionszeiten und verbessern die Chancen auf Reichweite und Engagement.

Anschlussfähigkeit ist damit ein strategisches Prinzip. Erfolgreiche digitale Kommunikation setzt auf Formate, die nicht nur senden, sondern Anschluss erzeugen. In einer Medienumwelt, die von Überfluss geprägt ist, ist Anschlussfähigkeit ein Wettbewerbsvorteil.

Fazit

Viralität wirkt oft chaotisch, zufällig oder beliebig. Systemtheoretisch betrachtet folgt sie jedoch einer klaren Struktur. Inhalte verbreiten sich dort, wo sie Anschluss ermöglichen. Trends sind anschlussfähige kommunikative Muster. Sie verbinden eine stabile Form mit offener Bedeutung, werden durch die Architektur sozialer Medien technisch begünstigt und erfüllen damit genau jene Bedingungen, die Luhmann als Grundlage sozialer Kommunikation beschreibt.

Für die strategische Online Kommunikation bedeutet dies: Nicht Komplexität entscheidet über Wirkung, sondern Anschlussfähigkeit. Erfolgreiche Inhalte bieten klare Orientierung, ermöglichen Variation und laden zur kollektiven Weiterverarbeitung ein. In einer dynamischen Medienumwelt ist dies kein Modephänomen, sondern eine strukturelle Bedingung moderner Kommunikation.

Zurück
Zurück

Erwartet uns eine Kurskorrektur sozialer Medien?

Weiter
Weiter

Die sieben Prinzipien des Einflusses